Mammutmarsch: Der Kater danach

Nach dem diesjährigen Mammutmarsch herrscht wohl in mehrfacher Hinsicht Katerstimmung. Zu dem üblichen Muskelschmerzen und den kleineren Blessuren tritt diesmal der Umstand, dass der Veranstalter den Marsch hatte abbrechen müssen – Grund war eine derart hohe Anzahl an Verletzten, dass das Sanitätspersonal nicht nachkam. Das wurde uns morgens um sechs mitgeteilt, als wir bei Kilometer 59 auf dem Sportplatz in Rehfelde ankamen. Zuvor hatte es diese Information wohl schon per Facebook gegeben.

Selbstverständlich gehen jetzt viele Teilnehmer in die Fehleranalyse und fragen sich, was denn da falsch gelaufen sein könnte. In Diskussionen auf Facebook liest man hierzu allerhand Positionen. Die Meinung, es seien zahlreiche Teilnehmer betrunken gewesen, gibt weniger Auskunft über die Realität der Veranstaltung als vielmehr darüber, dass neben Wanderern und Leuten die sich an der Strecke versuchen wollten, eben auch die Fitness-Community vor Ort war und genau auf abweichendes Verhalten beobachtete.

Aus meiner Wahrnehmung ist es so, dass man kaum Leute gesehen hat, die Alkohol getrunken haben und wenn schien es sich dabei eher um ein einzelnes Bier zu handeln. Aus Sicht eines trainierten Streckenwanderers, ist auch gar nichts dagegen einzuwenden bei einer so langen Strecke an irgendeinem Punkt mal ein Bier zu trinken. Das ist wahrscheinlich bei einem Marathonlauf anders und vielleicht gibt es hier Seitens entschiedener Leistungssportler Unverständnis.

Mit Verständnisproblemen kommt man aber den tatsächlichen Gründen für das Scheitern möglicherweise auch schon näher: Es wurde einfach reihenweise unterschätzt, wie Kräftezehrend eine lange Fußstrecke sein kann – auch, dass die Belastung eine zwar auf kurze Sicht leichtere ist als beim Laufen, aber eben über einen viel viel längeren Zeitraum. Es ist eben nicht so, dass man, weil man zwei Stunden rennen kann, erst recht und automatisch und umso besser sechzehn Stunden marschieren kann – das ist ein ganz anderer Sport. Ich glaube das hat auch wenig mit der richtigen Ausrüstung zu tun, wie anderenorts kritisiert, sondern vielmehr mit Erfahrung mit der spezifischen Dauerbelastung eines langen Fußmarsches. Meine Beobachtung ist, dass genau das von vielen falsch eingeschätzt wurde, eben weil sie noch nie so weit gegangen sind, dass sie überhaupt auf die Idee gekommen wären, dass Gehen irgendwann wirklich sehr sehr anstrengend werden kann.

Hinzu kommt dann die fehlende Erfahrung dahingehend, was denn eigentlich die Warnsignale des Körpers sind, wenn sich unter Dauerbelastung und Schlafentzug eine Erschöpfung ankündigt. Ich vermute, dass diese Signale von vielen nicht erkannt wurden, eben weil sie die Sprache gar nicht kennen, die der Körper in dieser Situation spricht. Wenn man dann weiterläuft und denkt es werde schon gehen, kommt der Kollaps. Und tatsächlich ist es das, was wir an jenem frühen morgen vielfältig gesehen haben: Leute die sich in einem offensichtlich bereits grenzwertigen Zustand über die Distanz quälen. Die Erschöpfung kommt dann oft schnell und der Kreislauf schaltet das Licht aus.

Den Veranstalter trifft hier aus meiner Sicht keinerlei Schuld. Vielleicht hätte er nachdrücklicher davor warnen können, dass eine derart lange Fußdistanz kein Kinderspiel ist. Aber mal ehrlich: Dass 100km zu Fuß eine nicht zu unterschätzende Strecke sind, muss man einem erwachsenen Menschen gegenüber ebensowenig erklären wie den Umstand, dass sich Rohrreiniger nicht zum Verzehr eignet. Das ist also nicht Sache des Veranstalters. Dem ist aus meiner Sicht sehr zu danken, denn es war eine gut gemachte Veranstaltung. Wie immer kam zum Unglück wohl auch noch Pech dazu und das möglicherweise unkoordinierte, möglicherweise nicht nötige Auslösen eines Großeinsatzes, sorgte zu dem ohnehin hohen Aufkommen an Verletzten dafür, dass die Rettungskräfte an einem Ort zusammengezogen wurden und damit anderenorts für umso größere Not sorgten, anderswo erschienen bestellte Sanitäter nicht wie vereinbart – man wird die Analyse des Sachverhalts abwarten müssen.

Gerade der Umstand, dass das Teilnehmerfeld sehr gemischt war, von Anfängern, die sich an der Distanz versuchen wollen, über geübte Distanzwanderer bis hin zu Marathonläufern und Fitness-Fanatikern und dieses Feld nicht mit großen Marketinginteressen im Rahmen einer Fun-Sport-Veranstaltung zusammenkommt,  machen den Mammutmarsch sympathisch. Vielleicht war auch die Distanz hinter dem ersten Streckenposten (aus meiner Sicht genau der Punkt über der 20km Marke, wo Unerfahrene fußfaul werden) zu lang. Allerdings gab es hier auch reichlich Möglichkeit zum Ausstieg an einer der S-Bahnstationen am Weg. Auch hier bleibt wieder nur das Signale-Nicht-Hören, das Nicht-Aussteigen-Wollen kurzum, die Überschätzung als Grund. Ich freue mich jedenfalls auf die nächste Veranstaltung dieser Art und hoffe die Veranstalter machen so weiter, möglicherweise mit einer deutlichen Warnung zu Beginn.

Ein nächstes Ziel für eine vergleichbare Herausforderung wären dann die 24h von Wernigerrode. Hier sind es zwar nur 67km, die sind allerdings im Harz mit 1600 Höhenmetern verbunden. Vielleicht sehen sich also all diejenigen, die den Mammutmarsch gerne bis zum Ende gelaufen wären auf dem Brocken wieder.


Wo der Mammutmarsch nicht mehr vorbeigekommen ist: Eine sehr schöne Wanderung in der Märkischen Schweiz.


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